Der klassische Handel stirbt – na und?

Der klassische HandelJedenfalls ist dies seit Jahren immer wieder zu lesen. Exemplarisch nachzulesen hier und hier.

Als Bösewicht wird dabei natürlich der E-Commerce ausgemacht, der kalt und berechnend den braven lokalen Händlern das Wasser abgräbt.

Es stellt sich zunächst die Frage, was denn „der klassische Handel“ ist.

Für mich fällt unter „klassischer Handel“ jedewede Form von Kaufhäusern gleich welcher Größe, die ein Sammelsurium von Artikeln anbieten, deren Hersteller sie selbst nicht sind. Gewinn resultiert dabei aus der Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis (Handelsspanne).

Im 20. Jahrhundert – bis kurz vor Internet – brachte der klassische Handel Waren in die geographische Nähe des Kunden, was meiner Erachtens gleichzeitig der wesentliche Nutzen war, den der Handel dem Kunden bot. Als Belohnung durfte sich der Handel die Handelsspanne einstreichen.

Was ist durch das Internet und den E-Commerce anders geworden?

Mit dem Aufkommen des Internet bot sich nunmehr auch für den kleinsten Hersteller die Möglichkeit seine Waren selbst feilzubieten und auch von potenziellen Kunden auf einfachste Art gefunden zu werden (wer mal in den 70er oder 80er Jahren versucht hat, an bestimmte Platten – also LPs – zu kommen, weiß wovon ich rede). Durch den direkten Einkauf beim Hersteller konnte man Geld sparen (weil ja die Handelsspanne wegfällt), die Preistranzparenz nahm zu und die Waren kommen zu einem, anstatt man selbst zu den Waren fährt.

Zwei Trends

Für die Zukunft sehe ich zwei Trends:

  1. Eine Verlagerung zum Hersteller unter Umgehung der Handelsspanne
  2. Thematische Fokussierung von Sortimenten

Alle Macht dem Hersteller

Das Internet ermöglicht es dem Hersteller sein Produkt direkt an den Kunden zu verkaufen. Das wiederum sorgt dafür, dass auch hochwertige Produkte viel günstiger zu haben sind, als im klassischen Handelsmodell. Ein Beispiel hierfür wäre etwa die Teekampagne: Reiner Darjeeling Tee wird unter Umgehung des Zwischenhandels direkt verkauft, wodurch ein hochqualitativer Tee zu einem 1/4 des üblichen Handelspreises gekauft werden kann.

Grundsätzlich kann ich mir gut vorstellen, dass es zukünfigt eine Verschiebung zugunsten des Long-Tail geben wird. Also hochspezialisierten Nischenprodukten, die direkt beim Hersteller eingekauft werden.

2 Beispiele für E-Commerce-fähige Handelsformen

Das bedeutet aber nicht, dass der klassische Handel gar keine Zukunft hat. So kann eine Möglichkeit darin bestehen, das Produktsortiment entsprechend auszuwählen und besondere Produkte anzubieten. Händler betätigen sich dabei als Kuratoren, die Artikel zu einem bestimmten Oberthema zusammentragen.

Spontan fallen mir dazu zwei Kandidaten ein, die das vorbildlich machen:

  • Manufactum.de: „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Hier werden Artikel aus allen Regionen zusammengetragen, die es in dieser Form nur noch vereinzelt in Manufakturen gibt und die einen enormen Zeitaufwand verursachen würden, wollte man sich selbst auf die Suche machen.
  • Proidee.de: Proidee ist ein Kurator von ausgefallenen Produkten, die meistens lästige Alltagsprobleme auf originelle Weise lösen. Die Produkte werden sorgfältig zusammengetragen und mit einer zusätzlichen Garantie versehen.

Sowohl Manufactum als auch Proidee haben lokale Geschäftsläden.

Es kann eigentlich niemand mit Gewissheit sagen, dass der klassische Handel stirbt und dass es einen stationären Handel wie wir ihn noch kennen, bald nicht mehr geben wird. Ich wäre mit solchen Vorhersagen auch immer vorsichtig.

Doch wenn das der Fall wäre: So what?

Das flapsige „na und?“ im Titel soll anzeigen, dass es sich um einen Prozess handelt, der durch technologische Umwälzungen eingeleitet wurde und in dessen Folge es vorübergehend auch zu Abwehrreaktionen mit teilweise lächerlichen Vorschlägen kommt. So, wenn etwa vorgeschlagen wird, dass Onlineshop am Sonntag zu haben sollen.

Stecken darin nicht auch Chancen für den Handel?

Bildnachweis:
flickr.com, Uwe Kaufmann, Creative Commons, BY

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