Monthly Archives: August 2013

Die Content Strategy von Mornin‘ Glory

Mornin' Glory

Content Strategie von Mornin‘ Glory

Männer haben auch Probleme, denn Männer sind mit Bartwuchs geplagt. Was haben wir nur verbrochen? Wer keine Haare im Gesicht haben will, muss sich täglich dieser Barthaare entledigen. Es geht die Kunde, dass die Indianer Nordamerikas sich die Barthaare einzeln rauszogen. Das waren noch taffe Männer. Zwar bereitet mir das Herausziehen von Haaren keine so großen Schmerzen (boah, bin ich taff), aber es würde mir doch ein wenig zu lange dauern, bis alle Haare entfernt sind. So bleiben am Ende zwei Möglichkeiten:

  1. Aussehen wie Rübezahl
  2. Rasieren

Ich persönlich habe mich für Variante zwei entschieden. Da ich faul bin und eine Nassrasur deutlich gründlicher ist, als eine Trockenrasur, habe ich mich für das Verfahren der Nassrasur entschieden. Dann muss ich mich nämlich nur alle zwei Tage rasieren. Und da stößt man auf ein Problem: Wenn man sich für standardmäßige Rasierer entscheidet, stellt man irgendwann fest, dass man ja permanent Rasierklingennachschub braucht. Und dann wird es teuer. Da haben einen die Hersteller echt am Haken: Erst anfixen und dann abkassieren. Das Problem, vor dem der sich nass rasierende Herr steht, ist: Man braucht regelmäßig Klingennachschub und möchte diesen zu einem möglichst günstigen Preis (ach was?).

Der Lösung dieses Problems hat sich Mornin‘ Glory verschrieben. Hier kann man einen Rasierer bestellen und bekommt per Abo allmonatlich neue Rasierklingen gratis – bzw. „für Umme“ – nach Hause geliefert. Damit sind wir auch schon mitten im Thema: Mornin‘ Glory hat sich nämlich sehr genau Gedanken darüber gemacht, wie das ausgewählte Zielpublikum angesprochen wird. Und das wird vollkommen konsequent durchgezogen. Absolut vorbildlich!

Mornin‘ Glory filtert über seine Inhalte „unerwünschtes“ Publikum von vornherein aus. Das fängt damit an, dass konsquent geduzt wird.

Mornin‘ Glory verwendet durchgehend eine eher jugendliche Ausdrucksweise:

Lass die guten Dinge zu dir kommen. Für Umme.

Schnapp dir deine fantastischen Rasierklingen. Kick it!

Trotz des Ausdrucks „für Umme“, vergisst man nicht  auf einer Seite – um ganz sicher zu gehen, dass es auch jeder versteht – fünf mal das Wort „gratis“ zu verwenden.

Die Handlungsaufforderung ist ebenfalls eindeutig:

Gratis? Her damit!

Mornin‘ Glory stellt sich dabei dar als „Underdog“, der sich gegen die großen, etablierten Konzerne stellt. Bei Mornin‘ Glory arbeiten

ganz normale Männer (mit konstantem Bartwuchs und unkonstantem Cash Flow) und Frauen (mit großen Ideen und jeder Menge Energie).

Ich persönlich fand die Form der Ansprache und die Wortwahl so ansprechend, dass ich gleich ein Abo bestellt habe. Offenkundig gehöre ich exakt zur Zielgruppe von Mornin‘ Glory.

In einem Interview mit dem Geschäftsführer von Mornin‘ Glory – Fabio Paltenghi – auf Etailment wurde dieser gefragt, ob die Form der Ansprache nicht konservative Kunden verschrecken möge. Der Interviewer kennt offenkundig den Ausdruck „Marktsegmentierung“ nicht. Möglicherweise will Mornin‘ Glory gar keine konservativen Kunden. Paltenghi antwortete darauf auch:

Gillette Und Wilkinson mit über 80 Prozent Marktanteil kommunizieren klassisch und haben das über Jahrzehnte perfektioniert. Wir haben uns daher bewusst für einen humorvollen und provokanten Ansatz entschieden. Das muss nicht jedem gefallen, aber bisher verstehen die meisten, dass man uns mit einem Augenzwinkern nehmen muss.

Die emotionale und jugendliche Ansprache von Mornin‘ Glory wird auch nach dem Bestellen eines Abos durchgezogen. Dabei hält man sich an die Vorgaben von Steve Jobs, der der Ansicht war, dass auch die Verpackung des Produkts perfekt designt sein muss. Im Falle von Mornin‘ Glory bekommt man den Rasierer in einer Metalltube (siehe Foto oben) mit Schraubverschluss. Auch die Klingen selbst sind sehr schick verpackt. Dazu erhält man ein quadratisches Pappstück, auf dem 5 ganz witzige Gründe sind, warum man sich rasieren muss.

Die Emotionalität und Content Strategy wird also von der Webseite bis zur Produktlieferung durchgezogen. Darüber dürfte sich auch mein Kollege Markus Kämmerer sehr freuen.

Was Mornin‘ Glory jetzt noch verbessern muss, ist das eigentliche Produkt. Natürlich habe ich mich erst für die günstigere Variante entschieden, obwohl ich schon geahnt hatte, dass die etwas „teurere“ Variante das bessere Rasierergebnis erzielen wird. Allerdings sind 6,00 EUR pro Monat für die bessere Rasur dann auch nicht günstiger, als eine Klinge von den „Konzernfuzzis“. Und da ich direkt gegenüber einem REWE-Markt wohne …

Mein Kriterium, ob ich glatt rasiert bin, oder nicht, ist dieses: Wenn ich Beim-über-den-Bart-fahren kein „rrrrk“ mehr höre, bin ich glatt rasiert. Bei den 4,00 EUR / Monat Klingen von Mornin‘ Glory kann ich aber 20 mal über die Stelle fahren und höre immer noch „rrrrk“. Selbst bei einer abgelutschten Mach3-Klinge höre ich spätestens nach dem dritten oder vierten Mal kein „rrrrk“ mehr.

Also habe ich das Abo wieder gekündigt. Selbst im Prozess des Abbestellens wird die Content Strategy durchgezogen. Man bekommt fast schon ein schlechtes Gewissen, sich von so netten Leuten zu trennen. Die Bestätigung der Kündigung hat den Betreff „Das war’s“:

Hallo Udo!

Du hast deinen Plan bei Mornin‘ Glory gekündigt.

Wenn du uns dann doch zu sehr vermisst oder es dir einfach anders überlegst, kannst du zum Glück innerhalb der nächsten 30 Tage deine Kuündigung hier zuruücknehmen:

http://morninglory.com/de/profile

Bleib sauber, Genosse!
Mornin‘ Glory

Ich bin fast ein wenig traurig, dass ich kein Kunde mehr bin. Wenn die Dinger doch nur besser rasieren würden …

Insgesamt würde ich Mornin‘ Glory fast als Lehrbeispiel bezeichnen, wie man Inhalte an einer Zielgruppe ausrichtet und konsequent im Ton durchzieht. Aber eben nur fast.

Einen weiteren Verbesserungsvorschlag hätte ich noch: Im Kündigungsprozess hat man die Möglichkeit, den Grund für die Kündigung anzugeben. Man kann auch direkt bei Mornin‘ Glory anrufen und bekommt eine entsprechende Telefonnummer genannt. Oder man kann sich anrufen lassen und eine Telefonnummer hinterlegen. Das habe ich gemacht. Aber auch nach mehr als einer Woche hat mich noch keiner angerufen…

Bildnachweis:
Udo Butschinek, Public Domain – ID-FC

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